NAHOST: Atommacht warnt vor Atomwaffen – Israel Heuchelei vorgeworfen

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Von Thalif Deen

New York (IPS) – Die UN-Vollversammlung ist zu Ende, die Delegierten sind abgereist. Geblieben ist die Erinnerung an den Auftritt des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, der den Iran eindringlich davor gewarnt hat, das zu tun, was Israel vor Jahren selbst getan hat: Atomwaffen herzustellen.

Nach Ansicht von Mouin Rabbani, einem unabhängigen Nahostexperten mit Sitz in Amman, der für den 'Middle East Report' schreibt, besteht die Absurdität der Rede Netanjahus darin, dass ausgerechnet ein politischer Führer über die Gefahren der Verbreitung von Atomwaffen doziert hat, dessen Land die bislang einzige Atommacht in der Region ist und bereits mehrfach mit dem Einsatz dieser Massenvernichtungswaffe gedroht hat. Zudem weigere sich Israel beharrlich, dem Atomwaffensperrvertrag beizutreten, erinnerte er.

"Das ist ein klein bisschen so, als würde man dem (Porno-Verleger) Larry Flynt zuhören, wie er Pornografie verdammt. Fairerweise muss gesagt werden, dass Flynt niemals ein solches Ausmaß an Heuchelei zur Schau tragen würde, wie dies Netanjahu getan hat", sagte der Nahost-Experte.

"Fiepen" der nahöstlichen Führer

Doch die meisten politischen Entscheidungsträger der Region, die in New York das Wort ergriffen, haben den doppelten Standard Israels offenbar widerstandslos hingenommen. Aggressive Antworten auf Netanjahus Äußerungen sind ausgeblieben. Dazu meinte ein asiatischer Diplomat: "Netanjahus auf Atomwaffen ausgerichtete Rede endete mit einem Knall, die Reden der meisten nahöstlichen Führer mit einem Fiepen."

Neben den erfahrenen Staatsoberhäuptern wie Jordaniens König Abdullah und Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas hat sich eine neue Generation arabischer Staatsoberhäupter auf der UN-Vollversammlung zu Wort gemeldet. Dazu zählten die Präsidenten Ägyptens und Jemens, Mohamed Mursi und Abd-Rabbu Mansur Hadi, sowie deren Amtskollegen aus Libyen und Tunesien, Mohammed al-Magarief und Moncef al-Marsuki.

Für die Zurückhaltung der arabischen Führer hat Ian Williams von den Blogs 'Foreign Policy in Focus' und 'Deadline Pundit' nur eine Erklärung. Die arabischen Länder seien sich so sehr im Klaren darüber, dass Israel Atomwaffen besitze, dass sie gar nicht mehr erkennen könnten, wie sehr das Thema im Westen tabuisiert werde.

"Während sie bei anderen Gelegenheiten auf die Existenz israelischer Atomwaffen hingewiesen haben, waren sie jetzt zu langsam, um auf die schamlose Heuchelei Netanjahus zu reagieren, der den Cartoon einer Bombe hochhielt, während sie längst auf 200 echten stehen."

Obwohl der Iran auch weiterhin darauf beharrt, dass sein Atomprogramm lediglich friedlichen Zwecken diene, wird er von Israel angegangen. So meinte Netanjahu Ende September: "Die eigentliche Frage lautet nicht, wann der Iran die Bombe hat, sondern ab welchem Zeitpunkt wir nicht mehr in der Lage sein werden, zu verhindern, dass er sie hat."

Israel fehlender Abrüstungswillen vorgeworfen

Rabbani zufolge wäre es interessanter gewesen, wenn Netanjahu erklärt hätte, warum sich Israel nach wie vor der langjährigen ägyptischen Initiative für einen von Massenvernichtungswaffen freien Nahen Osten die Unterstützung verweigere und warum Netanjahu erst kürzlich das UN-Podium erklommen habe, um die Teilnahme Israels an der Helsinki-Konferenz abzusagen. Auf dem Treffen in diesem Jahr, das von den USA unterstützt wird, sollen die Möglichkeiten einer atomwaffenfreien Region Nahost besprochen werden.

Laut Rabbani sind arabische Führer auch deshalb nicht auf die Kriegsrhetorik Israels gegenüber dem Iran eingegangen, weil einige arabische Staaten auf einen solchen Angriff hofften. Andere hätten nicht ihre Beziehungen zu einflussreichen arabischen Staaten gefährden wollen, die für eine Eindämmung des Irans seien. Andere hätten Spannungen mit den USA und dem Vorwurf vorbeugen wollen, im iranisch-israelischen Konflikt auf Seiten Teherans zu stehen.

Rabbani zufolge ist die arabische Welt längst nicht mehr die Gleiche wie vor Jahrzehnten. Allerdings sei sie in einem umfassenden Transformationsprozess begriffen. Das erkläre auch, warum der ägyptische Präsident Mursi auf der UN-Vollversammlung ausführlich zu der Palästinenserfrage Stellung bezogen habe. "In den nächsten Jahren dürfen wir mehr davon erwarten."

Rabbani zufolge herrscht in Nahost die Ansicht vor, dass den USA das gleiche Schicksal wie einst den Briten und Franzosen bevorsteht: dem Niedergang der Empires. "Wir erleben derzeit den allmählichen Verlust des US-amerikanischen Einflusses in der Region." Dies erkläre zum Teil auch, warum es so viele arabische Führer für nötig befunden hätten, auf der Kontroverse herumzureiten, die durch das alberne aber offensive Videoclip 'Unschuld der Muslime' hervorgerufen worden sei und das in der arabischen Welt so große Proteste ausgelöst habe.

"Das Video oder die Berichte darüber haben zu einem authentischen Aufschrei in der Region geführt. Und die Verurteilung dieses Videoclips hat politischen Entscheidungsträgern, die für ihre Nähe zu Washington bekannt sind, die Möglichkeit gegeben, zu zeigen, dass sie nicht den letzten Rest der nationalen Würde aufgegeben haben", sagte Rabbani. [Deutsche Bearbeitung | IPS Deutscher Dienst | 2. Oktober 2012]

Original Deutsch: http://ipsnews.de/news/news.php?key1=2012-10-02%2015:25:55&key2=1

Original Englisch: http://www.ipsnews.net/2012/10/israels-hypocrisy-on-a-nuclear-middle-east/

 

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