ASIEN: Die Gefahren der erweiterten nuklearen Abschreckung

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Von Neena Bhandari

Sydney (IDN) – Nach dem gescheiterten Raketenstart Nordkoreas führten die verfeindeten Atommächte Indien und Pakistan ihrerseits Raketentests durch. Diese Entwicklung spricht für die These einer neuen Untersuchung, wonach ein tiefes strategisches Misstrauen atomare Abrüstungspläne verhindert.

Insbesondere die provokanten Atom- und Raketenprogramme Nordkoreas hätten Japan und Südkorea veranlasst, sich Gedanken über ihre Verteidigung zu machen, so die Untersuchung des 'Lowy Institute for International Policy' mit Sitz in Sydney. Sie hätten zudem die US-Verbündeten demotiviert, den 'Erweiterten Abschreckungsschirm' zu schwächen, der sie vor einer Bedrohung mit Atomwaffen schützt. Ebenso hielten sie China davon ab, auf eine Modernisierung und den Ausbau seiner Atomwaffenarsenale zu verzichten.

Weitere Hindernisse der atomaren Abrüstung ist nach Ansicht von Rory Medcalf, Leiter des Sicherheitsprogramms des Lowy Institute, der Rüstungswettlauf der drei Staaten China, Indien und Pakistan.

Metcalf, Hauptredakteur des Reports 'Disarming Doubt: The Future of Extended Nuclear Deterrence in East Asia', geht davon aus, dass sich die Voraussetzungen für eine atomare Abrüstung weiter verschlechtern werden, sollten die hohen Kosten konventioneller Waffen eine künftige US-Regierung veranlassen, zur Sicherung seiner Präsenz in Asien auf Atomwaffen zu setzen.

Asien erlebt als Folge regionalen Wachstums und strategischer Unsicherheit eine zunehmende Militarisierung. Das 'International Institute for Strategic Studies' in London hatte im März berichtet, dass Asien erstmals in diesem Jahr mehr für Rüstungsgüter ausgeben werde als Europa, wobei allein China, Japan, Indien, Südkorea und Australien 80 Prozent der asiatischen Rüstungsausgaben bestreiten. Pakistan, Indonesien, Malaysia, Singapur, Thailand und Vietnam werden in den Ausbau ihrer Luftwaffe und Marine investieren.

Kritik

Der Lowy-Bericht wartet mit unterschiedlichen Empfehlungen auf, wie sich die Gefahr der atomaren Aufrüstung begrenzen lässt. Sue Wareham, Mitglied des australischen Managementausschusses der Internatonalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) würdigt zwar, dass die Untersuchung auf die Folgen eines möglichen Einsatzes von Kernwaffen hinweist, bemängelt aber gleichzeitig, dass sie nicht konsequent genug die Notwendigkeit betont, diese Waffen los zu werden.

"Die Empfehlung, dass eine auf Asien erweiterte Abschreckungspolitik nur dann angewendet werden sollte, um auf existierende Gefahren zu reagieren, verlängert nur den Mythos, dass Abschreckung ein legitimer und effektiver Weg sei, um Aggressionen vorzubeugen", sagte Wareham. "Wenn es jedoch legitim ist, Massenvernichtungswaffen als Abschreckung einzusetzen, stellt sich die Frage, warum die USA und ihre Schutzschild-Verbündeten sowie China Atomwaffen einsetzen dürften, Nordkorea hingegen nicht. Das ungeschriebene und unhaltbare Gesetz, dass einige Länder Kernwaffen besitzen dürfen und andere nicht, wird leider nicht hinterfragt."

Die Empfehlungen des Lowy-Berichts ließen den Eindruck entstehen, dass eine US-Rolle in Asien ein notwendiger und der Stabilisierung Asiens dienlicher Schritt sei, mit dem sich China abfinden müsse. "Aus australischer Sicht ist zu sagen, dass die negativen Signale, die wir durch unsere starke Unterstützung der US-Militärpolitik an Asien senden, auch in unserem Land Besorgnis auslösen", fügte die Expertin hinzu.

US-Präsident Barack Obama hat zu einer Kürzung der US-amerikanischen und russischen Atomwaffen aufgerufen und China eingeladen, mit den USA in einen Nukleardialog zu treten.

Zweifache Herausforderung

Für Andrew O'Neil, Direktor des Griffith-Asien-Instituts der Griffith-Universität, sind Abrüstungsfortschritte in Asien gleich aus zwei Gründen eine große Herausforderung: Zum einen fehlt es der Region im Gegensatz zu Europa an formellen Waffenkontrollabsprachen und an der historischen Erfahrung, ernsthafte Abrüstungsverhandlungen zu führen. Zum anderen ist die Zahl der Atomwaffenstaaten seit dem Ende des zweiten Weltkriegs von drei auf fünf (USA, China, Indien, Pakistan und Nordkorea) gestiegen.

Alle Atomwaffenstaaten hätten zudem angedeutet, dass zunächst die größeren politischen Konflikte gelöst sein müssten, bevor an eine atomare Abrüstung zu denken sei. Außerdem habe China deutlich gemacht, dass die USA und Russland die Zahl ihrer atomaren Sprengköpfe auf chinesisches Niveau (etwa 150 bis 200 Stück') herunterfahren müssten, ehe es bereit sei, selbst über eine Reduzierung nachzudenken, so der Professor.

Die regionalen Staaten befinden sich in einem grundlegenden Sicherheitsdilemma, das wirkliche Abrüstungsfortschritte erschwert. O'Neil, auch Chefredakteur des 'Australian Journal of International Affairs', erwartet, dass die erweiterte Abschreckung an Bedeutung zunehmen wird. So würden die USA ihre Unterlegenheit gegenüber China, was konventionelle Waffen angeht, mit ihrer atomaren Überlegenheit zu kompensieren suchen. Dafür spreche ferner die zunehmende Sorge in Japan und Südkorea über die anwachsenden nordkoreanischen Waffenarsenale.

Der Lowy-Bericht räumt ein, dass es aus unterschiedlichen Gründen schwierig sein wird, Vertrauen und Institutionen zur Förderung der regionalen Stabilität aufzubauen. Dazu gehörten geschichtliche Faktoren, Territorialstreitigkeiten und Nationalismus ebenso wie Ressourcenknappheit und Veränderungen des strategischen Gleichgewichts.

"Korea-Krieg noch nicht zu Ende"

Leonid A. Petrow, Dozent am Institut für koreanische Studien der Universität von Sydney, meint dazu: "Um mit der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) richtig umgehen zu können, müssen wir die Geschichte des Kalten Krieges und deren Folgen für die Region verstehen. Wir müssen die Realität des innerkoreanischen Konflikts berücksichtigen, wenn wir verhandeln oder kooperieren wollen. Der Korea-Krieg hat nie aufgehört, und solange die regionalen Mächte nur einen Teil des geteilten Koreas unterstützen und den anderen Teil bekämpfen, wird es auch weiterhin ein geteiltes Korea geben."

Als einen ersten Schritt zur Beilegung des Konflikts in Nordostasien empfiehlt Petrow die Anerkennung beider Teile Koreas. "Der koreanischen Halbinsel muss ein Sonderstatus (neutral und atomwaffenfrei) eingeräumt werden. Sie sollte für ausländische Truppen oder konfliktive Allianzen unzugänglich sein. Nur so könnte die Jahrhundert alte Rivalität um die Dominierung Koreas beendet und den Koreanern bei der Versöhnung geholfen werden. Andernfalls werden sich China, Russland und die USA weiterhin gegenseitig misstrauen, was ihre Absichten in der Region anbetrifft, und die beiden Koreas den jeweils anderen als Gefahr betrachten."

Petrow zufolge könnten die USA und Alliierte wie Australien durch eine Intensivierung der diplomatischen Beziehungen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit beiden Hälften Koreas einen entscheidenden Beitrag zu einer friedlichen Lösung des atomaren Problems leisten und die Basis für einen dauerhaften Frieden und Wohlstand schaffen.

Folgen eines Atomkriegs

Eine US-Studie warnt davor, dass eine Milliarde Menschen an den Folgen eines Atomkriegs sterben könnte. Schon ein solcher Schlag auf unterster Stufe könnte schwere klimatische Folgen haben. Die US-Maisproduktion könnte um zehn Prozent für die Dauer von zehn Jahren sinken, die Sojaproduktion um sieben Prozent. Die Reisproduktion in China würde in den ersten vier Jahren um 21 Prozent zurückgehen.

Neun Länder sind im Besitz von 20.530 atomaren Sprengköpfen, 95 Prozent verteilen sich auf Russland und USA. "Doch sind es nicht allein die Arsenale dieser beiden Länder, die die Welt bedrohen. Auch schon die kleinen Arsenale sind eine Gefahr für Menschen und Arten", betont Ira Helfand, Autor des Buches 'Nuclear Famine: A Billion People at Risk – Global Impacts of Limited Nuclear War on Agriculture, Food Supplies, and Human Nutrition' der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) und ihrer US-Schwestergesellschaft 'Physicians for Social Responsibility' (PSR).

Die Studie betonte die Notwendigkeit, dass alle Atomwaffenstaaten nuklear abrüsten und unverzüglich Gespräche über ein Atomwaffenverbotsabkommen aufnehmen. [Deutsche Bearbeitung | IPS Deutscher Dienst | 30. April 2012]

Original > http://www.indepthnews.info/index.php/global-issues/armaments/881-asia-dangers-of-extended-nuclear-deterrence

 

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