Atomwaffen unter Beschuss in Australien

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Von Neena Bhandari

Sydney (IDN) – Es war sieben Uhr in der Früh an einem Tag im Jahr 1953. Der zehnjährige Yami Lester und seine Freunde spielten friedlich mit ihren Autos, als ein lauter Knall die Stille der südaustralischen Aborigines-Ortschaft Walatina zerriss und die Erde zu beben begann. "Wir sahen, wie im Süden eine schwarz glänzende Wolke aufzog und unsere Wälder umhüllte. Unsere Augen brannten so sehr, dass wir sie schließen mussten", erinnert sich Lester 58 Jahre später.

In den Tagen darauf klagten rund 50 Dorfbewohner vom Volk der Yankunytjatjara über Reizungen der Haut, schmerzende Augen, Übelkeit, Durchfall und Husten. Sie konnten sich nicht behandeln lassen. "Die nächste Klinik war hunderte Meilen weg, und Transportmittel waren nicht vorhanden", berichtet der Lester. Walatina ist ganze 160 Kilometer von Emu Junction entfernt – wo in jenem Schicksalsjahr Australien seinen ersten Festland-Atomtest durchführte.

Lester konnte seine Augen damals erst nach drei Wochen wieder öffnen. Das linke Auge hatte 30 Prozent seiner Sehkraft verloren. Bis Februar 1957 war er dann vollständig erblindet. Nach einem Gehirnschlag im letzten Jahr sitzt der inzwischen 68-Jährige im Rollstuhl.

Als überzeugter Atomwaffengegner unterstützt Lester jedoch die jüngste Kampagne des Australischen Roten Kreuzes 'Make Nuclear Weapons the Target'. "Diese Kampagne wird alle Aborigines über die Gefahren aufklären, die von Kernwaffen ausgehen, und die gesamte australische Bevölkerung von der Notwendigkeit überzeugen, diese Waffen möglichst schnell loszuwerden", sagt er.

Die Kampagne, die am 6. August mit einer Volksbefragung in Facebook angelaufen ist, soll aufzeigen, warum es aus humanitären und ökologischen Gründen so wichtig ist, atomar abzurüsten. Sie richtet sich an alle Australier und insbesondere an junge Leute, das zu Ende zu bringen, was ihre Eltern begonnen haben.

"Die Anti-Atomkraft-Debatte prägte in den 1960er und 1970er Jahren eine ganze Generation von Menschen, die jedoch auseinander driftete, bevor ein wirklicher Wandel erzielt werden konnte", sagte Robert Tickner, Geschäftsführer von Australiens Rotem Kreuz. "Inzwischen sind Atomwaffen die größte Geißel aller Zeiten. Es wird Zeit, dass die Baby-Boomer an der Stelle weitermachen, wo sie aufgehört haben, und die neue Generation aktiv wird."

Scharfe Atomwaffen

Im Juni hatte das angesehene Stockholmer Friedensforschungsinstitut (SIPRI) in einem Bericht vermerkt: "Mehr als 5.000 Atomwaffen stehen zum Einsatz bereit, fast 2.000 inbegriffen, die auf höchste Alarmbereitschaft eingestellt sind". Weltweit existieren mindestens 20.000 Kernwaffen mit einem Zerstörungspotenzial, das dem 150.000-Fachen der Hiroschimabombe entspricht."

"Wir sehen die zunehmende Verbreitung von Atomwaffen. Damit verbunden ist die realistische Gefahr, dass sie nichtstaatlichen Akteure in die Hände fallen, unabsichtlich gezündet werden und Anlass für neue Kriege geben", sagte Tickner. "Mit unserer Kampagne wollen wir die Menschen in Australien auf diese Bedrohung hinweisen. Wir wünschen uns eine internationale Konvention, die den Einsatz von Kernwaffen im Rahmen des internationalen humanitären Rechts (IHL) ächtet." Gemäß dem IHL sind Waffen und Methoden der Kriegsführung verboten, die nicht zwischen Zivilisten und aktiven Kriegsteilnehmern unterscheiden.

Das Mandat des Roten Kreuzes innerhalb des IHL macht die Organisation zu einer wichtigen Stimme im Kampf für ein Atomwaffenverbot. Australien hat wie alle anderen 193 UN-Mitgliedstaaten auch die Genfer Konventionen und deren Zusatzprotokolle ratifiziert und damit einem universell gültigen Kriegsrecht Geltung verschafft.

Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan hatte die internationale Gemeinschaft im Zusammenhang mit der Atomwaffenfrage einmal mit einem Piloten verglichen, der über den Kontrolllampen eines schnell fliegenden Flugzeugs eingeschlafen sei. Er kritisierte das Fehlen eines einheitlichen Strategieplans zur nuklearen Abrüstung und Nichtverbreitung als Hauptgrund dafür, dass Kernaffen bis heute die Menschheit bedrohen.

Australien wichtiges Uranexportland

Australien befindet sich in der interessanten Situation, selbst keine Atomwaffen zu besitzen, jedoch entsprechende Verteidigungsarrangements mit der Atommacht USA getroffen zu haben. Das Land besitzt ferner fast die Hälfte des kommerziell nutzbaren Urans, und die Australische Behörde für Agrar- und Ressourcenwirtschaft schätzt, dass die australischen Uranexporte innerhalb der nächsten fünf Jahre auf über 17.000 Tonnen ansteigen werden.

Australiens Rotes Kreuz hat alle australischen Parlamentsabgeordneten aufgefordert, für eine Übereinkunft einzutreten, die den Einsatz von Atomwaffen verbietet. "Wir sind zuversichtlich und optimistisch, dass wir ihre Unterstützung erhalten werden", meinte Tickler.

Die Kampagne, die die nationale und internationale Debatte über ein Verbot von Atomwaffen wieder in Gang bringen soll, erfuhr bei der Online-Abstimmung einen enormen Rückenwind. So stimmten 96 Prozent für ein Verbot von Atomwaffen. Die Social Media-Netzwerke spielen bei der Anti-Atomwaffen-Botschaft inzwischen eine wichtige Rolle.

Im Rahmen der Kampagne sind zahlreiche Veranstaltungen geplant. Im November werden alle Rot-Kreuz- und Rot-Halbmond-Gesellschaften auf einem internationalen Treffen in Genf zusammenkommen, um ihren Wunsch nach einer atomwaffenfreien Welt zu artikulieren.

Bereits 1950 hatte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz die Staatengemeinschaft zur Ächtung von Atomwaffen aufgerufen. Seitdem gab es zahlreiche Anstrengungen in diese Richtung. Doch auch nach 61 Jahren konnten keine wirklichen Fortschritte erzielt werden. [
(Deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann | 8. September 2011]

 

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