Millionen Stimmen gegen Atomwaffen – Kampagne bricht Rekorde

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Von Neena Bhandari

Sydney (IDN) – Angesichts der realen Gefahr einer nuklearen Vernichtung sammelt die Australien-Sektion der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) Millionen Stimmen, die den politischen Entscheidungsträgern die Dringlichkeit der nuklearen Abrüstung vor Augen führt.

"Die Millionen-Stimmen-Kampagne verleiht dem Atomwaffenproblem und der Notwendigkeit, diese Waffen endlich komplett abzurüsten und abzuschaffen, ein Gesicht und eine Stimme", sagt die ICAN-Kampagnenleiterin Dimity Hawkins. "Die Menschen wollen die nukleare Abrüstung, wissen aber nicht, wie sie es anstellen sollen, damit ihre Botschaft an den richtigen Stellen ankommt. Diese Initiative macht's möglich."

Ein 45 Sekunden langer Videoclip zeigt japanische Schulkinder und den 80-jährigen Japaner Nakanishi Iwao, einen Überlebenden des US-Atomwaffenanschlags auf Hiroschima, die jeden einzelnen Atomstaat auffordern, die Welt von Kernwaffen zu erlösen. Der von ICAN-Australien mit der in Melbourne ansässigen Werbeagentur 'Whybin TBWA' erstellte Clip hat den längsten Video-Ketten-Brief der Welt nach sich gezogen und einen neuen Rekord in der Geschichte interaktiver Online-Kampagnen aufgestellt.

Zu den Botschaftern der ICAN-Kampagne gehören einflussreiche Persönlichkeiten wie der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu, die Mitbegründerin der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen, die US-Amerikanerin Jody Williams, und der ehemalige australische Ministerpräsident Malcolm Fraser.

Gestartet wurde die Millionen-Stimmen-Initiative am 6. August 2010 in Hiroschima in Erinnerung an den 65. Jahrestag des Atomwaffenanschlags auf Hiroschima und auf Nagasaki drei Tage später. In beiden Städten starben 1945 in wenigen Minuten hundertausende Menschen.

"Ansehen und Ehre denen, die Atomwaffen ablehnen"

Zum Start der Kampagne erklärte Ban Ki-moon als erster UN-Generalsekretär, der sich zu der alljährlichen Friedenszeremonie in Hiroschima einfand: "Wir alle befinden uns auf einer Reise von Ground Zero zu 'Global Zero' – einer Welt ohne Massenvernichtungswaffen. Das ist der einzige solide Weg für eine sichere Welt. (…) Wir müssen eine elementare Wahrheit verbreiten: Ansehen und Ehre gebührt nicht jenen, die Atomwaffen besitzen, sondern jenen, die sie ablehnen."

Am 24. September berief Ban ein hochkarätiges UN-Treffen ein, um für ein umfassendes Verbot von Nuklearversuchen (CTBT), ein Verbot der Herstellung spaltbaren Materials und einem Anti-Atomwaffen-Schulunterricht zu werben, für den Aussagen Überlebender der Atomanschläge in die wichtigsten Weltsprachen übersetzt werden sollen.

Obwohl 153 Länder das CTBT-Abkommen ratifiziert haben, ist es noch nicht in Kraft, weil die neun atomwaffenfähigen Länder Ägypten, China, Indien, Indonesien, Iran, Israel, Nordkorea, Pakistan und USA der Konvention bislang nicht beigetreten sind.

Kampagne begeistert Kinder und NGOs

Wie das ICAN Australien-Vorstandsmitglied Tim Wright gegenüber dem Analysedienst InDepthNews (IDN*) erklärte, "sind Kinder und NGOs besonders engagiert, um die 'Nie-Mehr-Botschaft' zu verbreiten".

Wright zufolge kommt Ban Ki-moon das Verdienst zu, der Anti-Atomwaffendebatte eine besondere Dringlichkeit verliehen zu haben. Er habe in Hiroschima erklärt, dass CTBT bis 2012 in Kraft treten müsse und dass die Vision von der Abschaffung der Nuklearwaffen die richtige sei.

Nach der Bombardierung Hiroschimas und Nagasakis wurden weltweit Atomtests durchgeführt. USA, Russland, (und die ehemalige USSR), Frankreich, Großbritannien, China, Indien und Pakistan räumten ein, in den Jahren1945 bis 1998 Atombomben gezündet zu haben. Nordkorea zog 2006 und 2009 nach.

Schätzungen zufolge lagern derzeit 22.600 Kernwaffen in den weltweiten Waffenarsenalen. "Das ist eine außergewöhnlich hohe Zahl, wenn man bedenkt, wie wenige nötig wären, um ganze Landstriche zu zerstören, Millionen Menschen zu töten und zu vertreiben. Menschen verstehen, dass Atomwaffen nicht zu ihrer Sicherheit beitragen", versicherte Hawkins.

Auf dem 19. Weltkongress der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) im August in Basel forderte ICAN-Australien Europäer und die mehr als 50 Teilnehmerstaaten auf, die Millionen-Stimmen-Kampagne zur nationalen Angelegenheit zu machen. Der Videoclip in Englisch wurde in Australien von kommerziellen Rundfunksendern ausgestrahlt.

ICAN setzt sich für die nukleare Abrüstung auf der Grundlage einer rechtsverbindlichen, verifizierbaren und zeitgebundenen Atomwaffenkonvention (NWC) ein, die die Entwicklung von Atomwaffen, Tests, Herstellung und Verwendung ebenso verbietet wie die Drohung, die mörderischen Bomben einzusetzen.

Im Verlauf des Jahres ist es zu einer Reihe positiver Entwicklungen gekommen. Dazu zählt die Unterzeichnung des Neuen START-Abkommens durch US-Präsident Barack Obama und seinen russischen Amtskollegen Dmitri Medwedew im April in Prag. Die Übereinkunft verpflichtet Russland und USA jeweils dazu, die Zahl der atomaren Sprengköpfe innerhalb von sieben Jahren von 2.200 auf 1.500 zu verringern und die der Trägersysteme auf 800 zu halbieren.

Wright zufolge kommt Australien in der Diskussion zur Abschaffung von Atomwaffen eine wichtige Rolle zu. Immerhin ist der fünfte Kontinent ein wichtiger Uranexporteur, der die Atomstaaten beliefert, die den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet haben. Im April 2010 genehmigte die Regierung die Ausfuhr von Uran nach Russland, das seit 2001 nicht einmal von der Internationalen Atomenergiebehörde besucht worden ist.

Schneeballeffekt

Die in Sydney angesiedelte unabhängige Denkfabrik 'Lowy Institute for International Policy', fand heraus, dass 84 Prozent aller Australier gegen die Entwicklung von Kernwaffen sind, solange es in der Nachbarschaft keine Atomwaffen gibt. Sollte dies jedoch der Fall sein, wären nur noch 57 Prozent gegen die Entwicklung von Kernwaffen und 42 Prozent dafür.

Traditionell kommt Australien eine führende Rolle bei den Verhandlungen über internationale Waffenkontrollmechanismen wie der Anti-Streubomben-Konvention zu. Doch in jüngster Zeit hat das Engagement deutlich nachgelassen. So glänzte Australien auf der Konferenz zur Revision des UN-Atomwaffensperrvertrags im Mai 2010 mit Abwesenheit.

Doch vor allem erbost ICAN die Entscheidung der australischen Ministerpräsidentin Julia Gillard, Russland im Rahmen eines jüngsten Atomkooperationsabkommens mit Uran zu versorgen. So werde ein Land beliefert, das nicht nur eines der größten Atomwaffenarsenale der Welt besitzt, sondern zugleich riesige Mengen atomwaffentauglichen Materials, das zum größten Teil unsicher gelagert sei, kritisierte der Vizevorsitzende der Kampagne, Tilman Ruff.

Abrüsten für die menschliche Entwicklung

Die Befürworter der nuklearen Abrüstung haben eine Reihe guter Argumente auf ihrer Seite. Abgesehen davon, dass eine atomwaffenfreie Welt mehr Sicherheit bedeutet, würden im Fall einer nuklearen Abrüstung astronomisch hohe Beträge für den Kampf gegen Hunger, Armut, Trinkwassermangel und vermeidbare Krankheiten bereitstehen. 2008 gaben etwa die USA ganze 52,4 Milliarden Dollar für die Wartung ihrer Atomwaffenarsenale aus, obwohl mehr als 37 Millionen US-Amerikaner in Armut leben und fast 50 Millionen nicht krankenversichert sind. (Deutsche Übersetzung: Karina Böckmann | IPS Deutschland | 19-11-2010)

Links:
http://www.icanw.org/about-ican
http://www.indepthnews.net/news/news.php?key1=2010-08-31%2015:45:56&key2=1

 

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