Atomwaffengegner erhöhen Druck auf Regierungen – ICAN-Australien wegweisend

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Von Neena Bhandari

Sydney (IDN) – Obwohl die Atomwaffenländer auch weiterhin nukleare Sprengköpfe ansammeln und ballistische Raketen, Bomber und U-Boote bauen, gewinnt die Bewegung gegen Kernwaffen immer mehr an Stärke. ICAN-Australien kommt dabei Vorbildfunktion zu.

Die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) versucht derzeit mit einer Flut von Papierkranichen Regierungen zu Verhandlungen über ein globales Atomwaffenverbot zu bewegen. Aktivisten haben die politischen Entscheidungsträger mit 190.000 der farbenfrohen und auf Fäden aufgezogenen Papierkraniche bombardiert. Einer alten japanischen Legende zufolge hat ein Mensch, der 1.000 Kraniche aus Papier faltet, einen Wunsch frei.

Das 'Paper Cranes Project' genießt die Unterstützung von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und den Regierungen von Australien, Afghanistan, Griechenland, Kasachstan, den Marschallinseln, Mosambik, Slowenien und der Schweiz.

Angriff der Vögel

"Wir konzentrieren uns mit unseren Aktivitäten darauf, dass uns die Staats- und Regierungschefs der anderen Länder antworten. In diesem Monat erhalten die Botschaften in Tokio 70.000 Papierkraniche, die sie an ihre Regierungen weiterleiten sollen. Die Sendungen dienen als Zeugnisse für die Stärke und Bandbreite der globalen Unterstützung für ein Atomwaffenverbot", sagt Tim Wright von ICAN-Australien.

Junge Leute in aller Welt werden an der Kampagne teilnehmen. In diesem Jahr haben Schüler des Gisborne-Gymnasiums in Victoria in Australien 1.000 Papierkraniche gefaltet und sie dem australischen Parlamentspräsidenten mit dem Appell überstellt, sich für ein globales Kernwaffenverbot einzusetzen. Die Japanischlehrerin der Schule, Noriko Ikaga, organisiert jedes zweite Jahr für ihre Schüler der zehnten und elften Klasse eine Reise nach Japan, dem ersten Atombombenopfer der Menschheitsgeschichte.

"Es ist inzwischen Tradition, dass wir bei jedem Besuch des Hiroshima-Friedensmuseums 1.000 Papierkraniche falten. In diesem Jahr kommen 6.000 Papierkraniche hinzu, die an die Kinder erinnern sollen, die bis heute unter den Folgen des Atomwaffenangriffs auf Hiroshima leiden", erläuterte Ikaga.

Mit einem globalen Parlamentarierappell will ICAN ebenfalls erreichen, dass sich die internationale Staatengemeinschaft zusammensetzt, um ein globales Abkommen auszuhandeln, das Atomwaffen ächten und das zur Abschaffung aller existierenden Bestände führen soll.

"In Australien ist sich die Bevölkerung gar nicht der Gefahren bewusst, die die riesigen weltweiten Atomwaffenarsenale darstellen", meint die 17-jährige Holly Dwyer, die in die elfte Klasse geht. "Unsere Reise nach Hiroshima hat uns davon überzeugt, wie wichtig es ist, zu handeln. Wir wollten dem australischen Ministerpräsidenten zeigen, dass uns das Thema am Herzen liegt und die Gefahren nicht ignoriert werden dürfen."

"Es macht mir Angst, dass das Schicksal der Menschheit in den Händen kriegsbereiter Regierungen liegt", meint eine Mitschülerin. "An dem Papierkranich-Projekt teilzunehmen, ist ein Anfang, um die Welt von einer inakzeptablen globalen Bedrohung zu befreien, wie sie Atomwaffen darstellen."

Deinvestitionskampagne

ICAN-Australien hat in einem Bericht ('Disarm Your Degree') die Investitionen staatlicher Universitäten in die Atomwaffenindustrie untersucht und herausgefunden, dass vier australische Einrichtungen die Waffengeschäfte finanziell unterstützen. Zwölf waren über jeden Zweifel erhaben, während bei 17 weiteren die Informationen nicht ausreichten, um die Frage zufriedenstellend zu beantworten.

"Viele Universitätsstudenten haben großes Interesse an dieser Form der Aufklärungsarbeit gezeigt. Sie arbeiten mit uns zusammen, um die Öffentlichkeit für dieses Thema weiter zu sensibilisieren", betonte Wright. Die Universität von Sydney hat bereits durchblicken lassen, dass sie dabei ist, auf eine ethische Investitionspolitik umzustellen. "Von den anderen Universitäten kam keine Resonanz, doch werden wir unseren Druck aufrecht erhalten", versicherte der Aktivist.

ICAN setzt sich für die Entwicklung ethischer Strategien ein, die Kernwaffenproduzentenfirmen von direkten Investitionen und von Investitionen der Universitäten über Fondsmanager abschneiden.

Der australische Regierungsinvestitionsfonds 'The Future Fund' investiert derzeit 227 Millionen australische Dollar (210,4 Millionen US-Dollar) in die Nuklearwaffenindustrie.

ICAN hatte den Fonds-Mitgliedern im vergangenen August eine Petition mit 14.000 Unterschriften gegen deren Investitionspolitik vorgelegt. Darüber hinaus suchten Aktivisten am 6. und 9. August zum Anlass des Hiroshima- und des Nagasaki-Gedenktages den Leiter des Fonds-Büros in Melbourne auf, um einen Rückzug der Investitionen aus den Atomwaffenunternehmen zu fordern.

"Der Zukunftsfonds hat sich bereits aus Unternehmen, die in die Produktion unmenschlicher Waffen wie Streumunition und Landminen verwickelt sind, zurückgezogen", erläuterte Wright. "Auch haben sich die Manager kürzlich dem Druck der Öffentlichkeit gebeugt, und Tabakunternehmen aus ihrem Investitions-Portfolio herausgenommen. Wir sind also zu Recht zuversichtlich, dass wir einen Kapitalabzug aus den Atomwaffenfirmen erreichen werden."

Australische Steuergelder für Kernwaffenhersteller

Zuvor hatte der Fonds gegenüber dem australischen Senat eingeräumt, Steuergelder in 14 Unternehmen zu investieren, die an der Produktion und Instandhaltung von Atomwaffen oder verwandter Technologien beteiligt sind.

"Viele Australier wären sicherlich schockiert zu erfahren, dass der Zukunftsfonds mehr als 130 Millionen australische Dollar (rund 120 Millionen US-Dollar) in Firmen investiert hat, die Atomwaffen produzieren. Unsere Mitglieder haben bereits mehrfach ihre Sorge über Investitionsentscheidungen zum Ausdruck gebracht, die von jenen getroffen werden, die den Fonds kontrollieren", meinte Rohan Wenn, der Pressesprecher von 'GetUp Australia', einer unabhängigen Graswurzelorganisation.

Etwa 76 Prozent der Australier sind der Meinung, dass die atomare Nichtverbreitung und Abrüstung eine Priorität der australischen Außenpolitik sein sollte, wie eine 2011 durchgeführte Meinungsumfrage der unabhängigen Denkfabrik 'Lowy Institute for International Policy' ergeben hat.

Die australischen Regierungen haben sich stets als Befürworter der nuklearen Nichtverbreitung präsentiert. Australien ist Mitglied aller größeren internationalen Abrüstungskonventionen wie dem Atomwaffensperrvertrag, dem Umfassenden Atomtestabkommen und der Übereinkunft für eine atomwaffenfreie Zone Südpazifik, auch bekannt als Abkommen von Rarotonga.

"Man möchte gern glauben, dass Australien nicht in den globalen Atomwaffenhandel involviert ist, doch angesichts der Investitionen des Zukunftsfonds in Kernwaffenunternehmen und der Regierungspläne, Uran an Indien und andere Atomstaaten zu verkaufen, ist das sehr wohl der Fall", betonte Gem Romuld von ICAN-Australien.

Das Abkommen von Rarotonga, einem Eiland der Cook-Inseln, verpflichtet Australien darauf, nichts zu unternehmen, was der weltweiten Herstellung von Atomwaffen förderlich ist. ICAN zufolge unterwandert der Zukunftsfonds die australischen Gesetze, die die Herstellung, Produktion und Tests von Atomwaffen innerhalb und außerhalb Australiens verbieten.

Australien ist zwar selbst nicht im Besitz von Atomwaffen, steht aber unter dem atomaren Schutzschild der USA, der aus der Doktrin der atomaren Abschreckung geboren wurde. Der angebliche Schutz der US-Atomwaffen gilt als Schlüssel der nationalen Sicherheit Australiens.

Australisches Uran für Atomwaffenstaaten

Der 'fünfte Kontinent' verfügt über fast 40 Prozent der weltweiten Uranvorräte und bedient 19 Prozent des Welturanmarkts. Das australische Uran geht vollständig in den Export und erreicht auch diejenigen Staaten, die weiterhin Atomwaffen produzieren.

Die Umweltstiftung 'Australian Conservation Foundation' ist ein erklärter Gegner des Uranbergbaus im Land. Sie verweist immer wieder auf Gefahren für die Natur, die sensiblem Ökosysteme, indigenen Kulturen und lokalen Gemeinschaften hin, die mit dem Abbau von Uran einhergehen.

Im vergangenen Mai hatte ICAN-Australien ein Buch mit dem Titel 'Disarmament Double-Speak' veröffentlicht, das den australischen Beitrag zu Atomwaffen, seinen Widerstand gegen ein weltweites Atomwaffenverbot und die inadäquaten Sicherheitsvorkehrungen bei Uran-Exporten und –Investitionen in die Atomindustrie kritisch beleuchtet hat.

Derzeit gibt es weltweit 20.000 Atomwaffen, von denen etwa 3.000 einsatzbereit sind. Das Zerstörungspotenzial entspricht rund 150.000 Hiroshima-Bomben. 68 Jahre nach den Atombombenanschlägen auf Hiroshima und Nagasaki ist die Notwendigkeit eines verbindlichen Verbots und der Vernichtung von Atombomben offensichtlicher denn je. [Deutsche Bearbeitung | Karina Böckmann | IPS Deutscher Dienst | 17. Septemberi 2013]

Original-Artikel http://www.indepthnews.info/index.php/global-issues/1742-ican-australia-shows-the-way-to-abolish-nukes

 

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